Seine Eltern haben ihn mit 14 Jahren in ein Heim
für schwer Erziehbare einweisen lassen, da sie nicht mehr mit
dem Verhalten von ihm klar kamen und haben seither auch jeglichen Kontakt
vermieden. Die Betreuer im Heim haben unter Einbeziehung von Ärzten
herausgefunden, das er am Tourette-Syndrom litt. Durch ihre Hilfe hat
er eine halbwegs normale Kindheit erleben können und hat sogar
nach seinem Schulabschluss eine Ausbildung als Einzelhandelskaufmann
erfolgreich abgeschlossen.
Er hat dann bis vor knapp 2 Jahren auch in diesem Bereich arbeiten
können. Sein Chef wusste von Anfang an von seiner „Krankheit“
und hat ihm auch mal in bremsligen Situationen geholfen. Seine Kollegen
allerdings wussten hiervon nichts. Vor 2 Jahren dann hat man bei ihm
Leukämie diagnostiziert und die Medikamente die er bzgl. Tourette
eingenommen hatte, haben sich nicht mit der Chemotherapie und den jeweiligen
Medikamenten vertragen. Also hat er diese abgesetzt und somit wurden
die Tics wieder schlimmer. Besonders wenn er in Stresssituationen oder
aufgeregt war, kamen diese verbalen Ausdrücke und Beschimpfungen.
Er hat sich auch dann wieder selbst geschlagen oder den Kopf gegen
die Wand gehauen. Während dieser Zeit kam es zu 2 schwerwiegenden
Vorfällen in seiner Firma und daraufhin wurde ihm gekündigt.
Er hat somit alles was im Spaß machte (aus seiner Sicht) verloren.
Nun werden Sie sich vielleicht fragen, warum ich
Ihnen eigentlich schreibe.
Tom hat am 19.12.10 den Kampf gegen die Leukämie verloren und
starb mit nur 34 Jahren in einem Hospiz in Frankfurt. Ich war die Letzte
die ihn sprechen konnte. Wir haben uns sehr lange unterhalten und er
hat mir von seinen Träumen und Wünschen erzählt. Und
nun kommen Sie und die Crew von „Vincent will Meer“ in
den Mittelpunkt. Sie haben es mit diesem Film geschafft den Menschen
das „Tourette-Syndrom“ näher zu bringen und das sich
der ein oder andere mit dieser Krankheit auseinandersetzt. Woher ich
das weiß? Ich durfte es selbst mit erleben.
Als Tom entlassen wurde haben alle seine Kollegen erfahren, dass er
an Tourette litt und haben ab diesem Zeitpunkt jeglichen Kontakt zu
ihm abgebrochen. Viele waren seit Jahren seine besten Freunde! Er fiel
in ein so tiefes depressives Loch, denn gerade jetzt hätte er
ihre Hilfe und Unterstützung gebraucht. Viele von ihnen wollten
sich vor der „Enthüllung“ zwecks seiner Leukämie
als evtl. Stammzellenspender typisieren lassen. Als sie von seinem
Tourette erfahren haben, ist nicht einer zur Typisierung gekommen.
… und dann kam ihr Film raus!!! Er hat sich
diesen mehrmals angeschaut und das erste was er sagte – „der
Typ ist ja genauso durchgeknallt wie ich“ und hat laut und herzhaft
gelacht. Und glauben Sie mir das hat er seit Monaten nicht gemacht.
Er war davon so angetan, wie sich jemand wie Sie sich an ein solch
schwieriges Thema sowohl als Autor und auch als Hauptdarsteller dieser
Herausforderung stellen wollte. Sie haben diese Rolle so authentisch,
mit viel Herz und Aufrichtigkeit gespielt. Seit jeher hat er alles
was in der Presse über Sie und diesen Film erschien gesammelt
und in mühsamer Kleinstarbeit als eine Art Collage zusammengestellt.
Es war sein Wunsch Ihnen und dem gesamten Team von „Vincent will
Meer“ seinen aufrichtigen Dank persönlich zu übermitteln.
Ich habe nach Veröffentlichung dieses Films viele seiner ehemaligen
Freunde und auch seine Eltern dazu bewegen können sich diesen
anzusehen. Damit sie vielleicht ein bisschen verstehen können,
was Tom aufgrund seiner Touretteerkrankung all die Jahre durchstehen
musste. Die verachtende Blicke von den Menschen auf der Straße
die ihn anstarrten und sogar beschimpften, als er seine Tics hatte.
Und was soll ich Ihnen sagen – es hat bei Einigen etwas bewirkt.
Viele haben sich bei ihm entschuldigt und ihm auch wieder ihre Hilfe
angeboten. Sie haben ihn aufgrund Ihres Films wieder an ihrem Leben
teilhaben lassen.
Sie haben etwas geschafft, was ich über 5 Jahre
leider erfolglos versucht habe. Er hat sich nach diesem Film einem
kleinen Kreis von Tourettepatienten angeschlossen und gemerkt dass
er nicht alleine ist. Er hat viele neue Freunde dadurch gefunden. Er
hat sich selbst so akzeptiert wie er ist und hat offen mit Menschen
über seine Krankheit gesprochen. Sogar bei mir hat er sich für
sein Verhalten entschuldigt! Wir waren 5 Jahre zusammen und ich wusste
von seiner Erkrankung und habe viele auch sehr unangenehme Momente
mit ihm erlebt. Im Jahr 2000 hat er dann aus heiterem Himmel die Beziehung
beendet. Nie hat er mir den wahren Grund genannt. Er hat sich komplett
von heute auf morgen aus meinem Leben verabschiedet. Bis wir uns dann
vor knapp 3 Jahren durch Zufall wieder in Berlin getroffen haben. Ab
da waren wir wieder die besten Freunde. Allerdings konnte ich ihn nur
teils an meinem Leben teilhaben lassen. Ich war in einer neuen Beziehung
und für meinen Freund war er einfach nur ein gewalttätiger
Mensch. Er kannte ihn nicht und ich hatte ihm erzählt dass er
nur aufgrund seines Tourettesyndroms ab und zu gewaltsame Ausbrüche
hatte. Aber nie mir gegenüber!!!! Mein Freund wollte sich allerdings
überhaupt nicht mit diesem Thema auseinandersetzen. Zum Anderen
bin ich seit 3 Jahren stolze Mama einer süßen Tochter. Ich
habe meine Tochter 2-mal zu einem Treffen mit Tom mitgenommen, aber
auch da hatte er wieder sehr heftige Tics und sie hat große Angst
gehabt.
Als ihr Film auf die Leinwand kam und er sich ab da mit sich selbst
im Reinen war – hat er mir den wahren Grund der Trennung genannt.
Er hatte Angst, dass irgendwann seine Tics so heftig sind das er mir
etwas antut.
Für mich waren die letzten 3 Jahre als seine
beste Freundin und Vertraute auf der einen Seite sehr schöne –
auf der Anderen sehr schmerzlich. Ich musste mit ansehen wie ein gestandener
Mann immer mehr in sich einfiel. Trotz seiner Leukämie und seiner
Touretterkrankung hat er seinen Lebensmut nicht verloren. Im Gegenteil
mit Ihrem Film hat er warum auch immer eine ungeheure Kraft entwickelt
dem Ganzen die Stirn zu zeigen. Er hat durch Sie wieder seine Freunde
und auch einen Teil seiner Familie in sein Leben gelassen.
Tom hat Sie so sehr bewundert!!!
Er hat mich gebeten, Ihnen diesen Zeilen zu schreiben
und Ihnen die Collage zusammen mit einem von ihm geschriebenen Brief
zu geben. Beides hat er in den letzten Tagen im Hospiz noch fertig
stellen können. Es lag ihm wirklich sehr viel daran.
Nun habe ich 2 Monate mit mir gehadert und habe nun doch den Mut
aufgebracht Ihnen zu schreiben. Ob sie diese Zeilen jemals lesen werden,
weiß ich nicht. Wenn ja würde ich mich natürlich sehr
freuen.
Ich für mich kann damit Tom auf eine Art gehen lassen. Ich musste
es ihm bei meinem letzten Besuch versprechen und dieses Versprechen
habe ich nun eingelöst. Für Tom!
Ich bedanke mich vielmals für Ihre Aufmerksamkeit
und wünsche Ihnen auf diesem Wege in allen Lebenslagen alles erdenklich
Gute und hoffe weiterhin dass Sie sich wie bisher sehr für das
Thema TOURETTE einsetzen.
Hochachtungsvoll grüßt
Tom's Freundin