|
Tics/Tourette und Schule

Tourette und Schule - Allgemeine
Betrachtung?
Die Einschulung in die Grundschule oder der Wechsel
in eine weiterführende Schule – der 1. Schultag wird
von allen Beteiligten mit Vorfreude erwartet.
Eltern sind sich oft unsicher, wie die Lehrer und Mitschüler
mit den Tics im Unterricht zurechtkommen werden. Lehrer bezweifeln
oft, dass sich diese Kinder in das System Schule bzw. des Unterrichts
einfügen können. Oft werden betroffenen Kindern nicht
die gleichen Leistungen wie Kindern ohne Tics zugetraut. Oft wird
eine übermäßige Störung des Unterrichts durch
die Tics vorausgesagt.
Eltern hegen meist große Hoffnungen auf
den neuen Anfang.
Im Idealfall nehmen Eltern bereits im Vorfeld Kontakt zu der in
Frage kommenden Schule auf und informieren grundsätzlich
zum Krankheitsbild und die entsprechenden Auswirkungen speziell
bei ihrem Kind. Dieser Schritt ist vor allem dann wichtig, wenn
die Tics stark ausgeprägt sind.
Doch oft kommen schon bald die ersten Herausforderungen und Krisen,
besonders wenn Mitschüler oder Lehrer die ersten stärkeren
Tics im Unterricht als störend empfinden.
Mitschüler und Lehrer reagieren oft genervt,
weil sie nicht so lernen und lehren können, wie sie es erwartet
haben. Oft beklagen sich die Mitschüler zu Hause, so dass
dann auch bald die Eltern der übrigen Kinder alarmiert sind.
Es gibt also Handlungsbedarf. Alle Beteiligten
haben den guten Willen, aber auch unterschiedliche Interessen.
Lehrer sind unsicher, wie sie helfen können. Eltern wissen
zwar oft, welche Hilfen ihre Kinder brauchen, sind jedoch emotional
stark eingebunden, so dass es Ihnen im Gespräch schwer fällt,
sachlich zu bleiben. Oft wissen sie nicht, wer der richtige Ansprechpartner
ist, wenn Probleme auftauchen.
Das betroffene Kind möchte durchaus lernen, stößt
aber immer wieder an seine Grenzen, und sucht die Gründe
dafür bei sich selbst.
Die Schulbehörde, ob nun Schulrat oder Ministerium als auch
die Jugendhilfeträger sehen die Problematik durchaus realistisch,
aber sie sehen natürlich auch die leeren Kassen, so dass
Fördermaßnahmen in der Schule viel zu selten möglich
sind.
Ein Hilferuf kommt meistens nicht nur von einer
Person, sondern von allen Beteiligten. Ihnen steht das Wasser
buchstäblich bis zum Hals. Mit einem Schulwechsel verlagert
sich das Problem des normal begabten Kindes mit Tics nur auf eine
andere Ebene. Auf dieser Ebene fängt man dann wieder von
vorne an.
Also macht es mehr Sinn, sich Gedanken um geeignete Maßnahmen
an der derzeitigen Schule zu machen.
Wir haben die Problematik genau unter die Lupe
genommen:
Welche Probleme haben die Einzelnen?
Eltern haben bereits
oft resigniert; sie haben einen langen, meist unangenehmen Weg
hinter sich. Sie fühlen sich allein gelassen und stigmatisiert.
Zu oft haben sie gehofft, dass sie Verständnis und Hilfe
bekommen, zu oft sind sie gegen eine Wand gelaufen. Sie suchen
immer wieder nach neuen, manchmal auch sehr unkonventionellen
Wegen
Lehrkräfte
haben nicht nur dieses eine Kind, sondern meistens ca.
30 Kinder in der Klasse, unter denen es vielleicht auch noch weitere
Problemkinder gibt. Also müssen Maßnahmen so geartet
sein, dass sie zwar effektiv sind, aber die Lehrkraft neben der
Erfüllung des Lehrplanes nicht über Gebühr belasten.
Lehrer können nur begrenzt helfen.
Das betroffene Schulkind
spürt, dass er anders ist als die Mitschüler. Ihm gehen
Gedanken durch den Kopf, die er selten ausspricht. Er soll sich
im Unterricht so verhalten, wie er es eigentlich nicht kann. Wie
bei den Eltern gipfeln seine Gedanken in einem geringen Selbstwertgefühl,
zumal er selten Akzeptanz in der Klassengemeinschaft erfährt.
zurück zur Übersicht
Tics & Tourette in der Schule
- Aus der Sicht der Pädagogen
Für Lehrkräfte sind Kinder mit Tics
oft eine große Herausforderung, besonders in immer größer
werdenden Klassen und zunehmend auffälligen Kindern. Trotzdem
müssen die straffen Lehrpläne eingehalten werden, so
dass oft die Zeit fehlt, sich intensiv um ein bestimmtes Kind
zu kümmern.
Wir wissen, auf Lehrer kommen täglich viele unterschiedliche
Aufgaben zu – für viele sind sie gar nicht ausgebildet.
Was sollen sie noch alles tun? Hier sind noch nicht einmal die
kleinen alltäglichen Dinge genannt. Die Gesellschaft findet
es ganz selbstverständlich: Lehrer können (fast) alles.
Lehrer kommen im täglichen Geschäft
sehr schnell an ihre Grenzen. Aus unserer Erfahrung ist den meisten
Lehrern das Krankheitsbild Tourette fremd. In der Lehreraus- und
fortbildung wird das Krankheitsbild nicht oder noch nicht ausreichend
thematisiert.
Die Lehrer sind somit zunächst ebenso hilflos wie die Eltern
und die Kinder, solange diese keine offizielle Diagnose haben.
Deshalb sind Lehrer auf die Unterstützung und Zusammenarbeit
mit den Eltern, Kindern und außerschulischen Einrichtungen
und/oder Organisationen angewiesen.
Betroffene Kinder sind oft Gesprächsgegenstand
im Lehrerzimmer. Mag eine Lehrerin oder ein Lehrer auch noch so
engagiert sein, so ist es oft nicht einfach, sich in einem heterogenen
Kollegium für ein solches Kind einzusetzen.
Aus Unwissenheit interpretieren Lehrkräfte
das Verhalten der Kinder psychosomatisch, obwohl heute bekannt
ist, dass es sich um eine neuro-psychiatrische Erkrankung des
Gehirns handelt.
Nachfolgende Interpretationen sind deshalb keine Seltenheit:
• |
Das Kind möchte nur Aufmerksamkeit erhalten. |
• |
Das Kind ist nicht krank, weil es für
einige Stunden auch unauffällig sein kann. |
• |
Das Kind ticct, weil sich die Eltern
getrennt haben oder Partnerschaftskonflikte vorliegen. |
• |
Das Kind stört den Unterricht
absichtlich durch motorische und/oder vokale Tics. |
• |
Das Kind ist auffällig, da Erziehungsdefizite
im Elternhaus vorliegen. |
So gibt es manchmal Lehrkräfte, die ein
betroffenes Kind so schnell wie möglich los werden möchten,
andere wollen einfach nur in Ruhe unterrichten, und die nächsten
haben die Schuldigen schnell ausgemacht. Wirbt man um Verständnis
und Toleranz, wird oft voll Unverständnis mit dem Kopf geschüttelt
und besagte Lehrkräfte fühlen sich in ihrem beruflichen
Selbstverständnis angegriffen.
Eine Schlüsselposition zur Lösung des
Problems Tics und Schule hat der Klassenlehrer des betroffenen
Kindes inne.
Eine gute Lösung ist der "runde Tisch",
der natürlich auch seine Grenzen hat. Es ist klar, dass ein
runder Tisch mit Klassenkollegium, Schulleitung, Arzt, Therapeuten
und Eltern nicht ständig stattfinden kann, dazu sind alle
zeitlich zu stark eingebunden. Aber in sehr schwierigen Situationen
ist er eine gute Möglichkeit, die Betroffenen zusammenzuführen.
Der Zeitaufwand ist geringer als bei mehreren Einzelgesprächen,
lohnt sich also.
Der runde Tisch kann sehr viel für die Betroffenen
leisten. Vieles wird vor allem für die Lehrkräfte, die
das erste Mal mit dieser Erkrankung konfrontiert werden, deutlicher.
Auf diesem Wege kann Verständnis, Vertrauen und Zusammenarbeit
entstehen.
Besprechen Sie in dieser Runde auch die Anwendung
des Nachteilsausgleiches als eine sinnvolle Maßnahme, um
den betroffenen Kindern den Unterricht zu erleichtern.
Die Rechtsgrundlage für den Nachteilsausgleich
stammt aus der Sonder-pädagogik und lässt sich im schulischen
Alltag auf Legastheniker und auf Kinder mit Aufmerksamkeitsstörungen
aber auch auf Kinder mit Tics anwenden. Über Art und Umfang
des Nachteilausgleiches entscheidet der Schulleiter in Absprache
mit den unterrichtenden Lehrkräften.
Mehr dazu hier:
Die richtigen Lern- und Arbeitsbedingungen sind
deshalb für Kinder mit Tics der Schlüssel zum Erfolg.
Sie können ihre wahre Leistungsfähigkeit beweisen, wenn
Lehrer ihnen diese Bedingungen schaffen.
Der Umgang mit den Tics im Unterricht muss von
der gesamten Klasse erarbeitet werden, um auch den übrigen
Kindern in der Klasse gerecht zu werden. (z.B. den Klassenraum
für kurze Zeit verlassen, wenn die Tics zu heftig und störend
werden, ignorieren der milden Tics)
Die Kinder in der Klasse werden diese neuen Regeln
und Angebote sehr schnell akzeptieren, wenn der Klassenlehrer
mit ihnen über das Krankheitsbild und die Gründe für
die Sonderrechte spricht. Die betroffenen Kinder werden sehr schnell
spüren, wie ein harmonisches Schulklima ihre Symptomatik
positiv beeinflussen kann.
Der Weg eines Kindes mit Tics bis zum Schulabschluss
ist oft steinig und mit viel Leid verbunden. So manches Kind wurde
bereits auf eine Sonderschule abgeschoben oder als schulunfähig
abgestempelt.
Auch wenn vieles schwierig ist, geben Sie nicht
auf, denn diese Kinder sind intelligent, liebenswert und hilfsbereit.
Sie sind durch ihre Spontaneität und ihren Frohsinn eine
Bereicherung. Wenn man ihnen den nötigen Freiraum lässt,
sind sie kreativ und einfachsreich und leisten oft mehr als ihnen
zugetraut wird.
Welche Elternstrategie
der Schule und vor allem dem Kind helfen kann und welche in eine
Sackgasse führt, zeigen 4 Berichte aus weiterführenden
Schulen:
Kind A:
Ein Junge, der schon frühzeitig auffiel, ohne dass Vorinformationen
durch Eltern oder Grundschule vorlagen. Weil er auch Mitschülern
gegenüber auffallend war, stieß er immer wieder auf
Ablehnung. Das klassische Bild. Eben weil dieses Bild so deutlich
war, rief ich die Eltern an. Ihre Reaktion: "Ach, haben Sie
es bemerkt?" In diesem Satz schwang Unsicherheit und Angst
mit. Aber dann kam ein gutes Gespräch in Gang. Der Hintergrund
für das Verschweigen war, dass die Eltern mit Schulen schlechte
Erfahrungen gemacht hatten. Doch nun öffnete sich eine andere
Tür. Wir planten gemeinsam, wie mit dem Kind weiter gearbeitet
werden sollte. An dieser Stelle kam dann auch der Kontakt zum
Arzt zustande. Die Eltern melden sich nach wie vor bei Problemen,
der Junge selbst hält sich leider mit Kontakten zurück.
Kind B:
Die Eltern hatten schon frühzeitig vor der Umschulung Kontakt
zur Schule aufgenommen und halten diesen Kontakt auch regelmäßig,
vor allem bei periodisch auftretenden Problemen. Jetzt ist der
Schüler in der 9. Klasse und kommt bei Problemen mittlerweile
selbst zu uns. In diesem Fall erfuhren wir die gesamte Vorgeschichte
lückenlos, so dass ein klares Gesamtbild entstand.
Kind C :
Die Eltern nahmen frühzeitig Kontakt auf, hielten aber wichtige
Informationen über bereits durchgeführte Tests und Therapien
zurück. Sie stellten hohe Ansprüche an das Lehrerkollegium,
die in der Form zeitlich gar nicht zu bewältigen waren. Wenig
förderlich war, dass sie sich wechselseitig bei Lehrern und
Therapeuten über den jeweils anderen beklagten und so Kräfte,
die gemeinsam wirken könnten, gegeneinander ausspielten.
Diese Eltern erwiesen sich häufig als beratungsresistent.
Kind D :
Die Eltern machten sich sehr kundig und gaben Informationen uneingeschränkt
an die Schule weiter. Es entwickelte sich eine sehr vertrauensvolle
Zusammenarbeit, von der alle Seiten profitierten. Diese Eltern
verstanden auch unser Problem und verlangten nie Unmögliches.
Eine Etappe nach der anderen wurde geschafft, und in der Oberstufe
war der junge Mann dann so weit, dass er selbst kam, wenn er an
seine Grenzen stieß.
Das offene Gespräch ist der Schlüssel
zum Erfolg – ein Gespräch, in dem die Position
des anderen wahrgenommen und akzeptiert wird.
zurück zur
Übersicht
Aus der Sicht der Eltern
Eltern haben bereits im Vorfeld, je nach Schullaufbahn,
oft resigniert; sie haben einen langen, meist unangenehmen Weg
hinter sich. Sie fühlen sich allein gelassen und stigmatisiert,
oft eher ausgeschlossen als integriert. Zu oft haben sie gehofft,
dass sie Verständnis und Hilfe bekommen, zu oft sind sie
gegen eine Wand gelaufen. Sie suchen immer wieder nach neuen,
manchmal auch sehr unkonventionellen Wegen.
Ganz wichtig ist, das Eltern auch Verständnis
für die Schule aufbringen. Sie als Eltern kennen ihr Kind,
sie wissen was es benötigt, damit ihr Kind sich „gut“
fühlt. Sie kennen die Auswirkungen der Tics auf ihr Kind,
sie kennen die verschiedenen Tics ect.
Die Schule bzw. der Lehrer weiß all dies
nicht. Er steht der Situation genauso hilflos gegenüber,
wie die Eltern damals, als die Diagnose „Tourette“
erhielten.
Sie sind genau so „unwissend“ und wissen genau so
wenig wie sie am besten damit umgehen, wie Sie damals. Erinnern
Sie sich bitte zurück an diese Zeit. Genau so geht es dem
Lehrer bzw. der Schule, wenn es heißt: „Tim hat Tourette“.
Lehrer und Schule brauchen konkrete Informationen,
sie brauchen Zeit um Tics kennen zu lernen, sie brauchen Zeit
um Situationen einzuschätzen, und im Verlauf Hilfen und Strategien
zu entwickeln. Die Schule braucht Eltern als kompetente Ansprechpartner,
die sich interessiert, offen und zugänglich zeigen.
Erwarten sie nicht Unmögliches oder nicht Machbares von einer
Schule. Die Schule hat viele Kinder zu betreuen und zu unterrichten
und sie muss allen Kindern gerecht werden. Hier gilt es Kompromisse
zu finden, Möglichkeiten, Tipps und Hilfen anzubieten, die
es dem Kind mit Tics erleichtern, am Unterrichtsgeschehen teilzuhaben
und integriert zu werden. Aber hüten sie sich davor „ungebührliches“
Verhalten, Ungezogenheit, Respektlosigkeit ect. mit Tics oder
Tourette zu entschuldigen.
Kinder mit Tics brauchen einen gewissen Schonraum und dennoch
müssen auch diese Kinder sich einem allgemeinen Schulbetrieb
anpassen. Ist dies nicht möglich, könnte es sein, dass
eine andere Schulform in Erwägung gezogen werden muss. Bei
dieser Einschätzung helfen die Erfahrungen des Lehrers, der
schulpsychologischen Beratungsstelle und der entsprechenden Schule.
Allein das Auftreten von Tics ist jedoch keine Begründung
für eine andere Beschulung als die Regelschule.
Die Schule hat oft nicht die Möglichkeiten sich mit jeder
Auffälligkeit und mit jeder Erkrankung, die in einer Schule
auftreten auseinander zu setzen. Umso wichtiger ist es, das Eltern
sich kundig machen und ihr Wissen gezielt auf ihr Kind anwenden
und dies an die Schule weitergeben.
• |
Offenheit bezüglich
auftretender Probleme zwischen Schule und Kind. |
• |
Wahrnehmen und Akzeptieren der Probleme
(nicht herunterspielen). |
• |
Gemeinsam mit der Schule nach Möglichkeiten
suchen. |
• |
Suchen Sie das offene Gespräch
immer und immer wieder, zeigen Sie Interesse, fragen sie nach. |
• |
Informieren Sie über Veränderungen
bei Ihrem Kind. |
• |
Position des Pädagogen und der
Schule wahrnehmen und akzeptieren. |
• |
Wahren Sie Respekt voreinander und zollen
Sie einander Anerkennung . |
• |
Zeigen Sie Verständnis für
die Situation der Pädagogen. |
zurück zur Übersicht
Aus der Sicht der Mitschüler
Kommt ein Kind mit sichtbaren Tics in eine Klasse,
ist es meist recht nervös. Innerlich hat sich Stress aufgebaut,
da es um seine Erscheinung bzw. um seine Tics weiß und ebenso,
das diese auffallen und in diesem Alter ist es ganz besonders
wichtig „Nicht von der Norm abweichen“.
Mitschüler und Lehrer reagieren aus Unwissenheit
oft erschrocken, oder auch belustigt. Keiner weiß, was sich
hier abspielt. Umso wichtiger erscheint hier wieder die Aufklärung.
Denn nur wer um Tics weiß, kann entsprechend damit umgehen.
Angst und Verunsicherung sind völlig natürliche
Reaktionen des Menschen auf Unbekanntes, aber sie sind auch die
„Feinde“ von Toleranz und Akzeptanz.
Mitschüler denken oft: „Bin ich verunsichert, wirke
ich nicht mehr cool.“ Deshalb zeigen die Mitschüler
ihre Ängstlichkeit oder Verunsicherung nicht, da es das das
Ansehen in der Klassengemeinschaft schwächt. Folglich verhält
sich der Heranwachsende eher übertrieben cool und überlegen.
Der junge Mensch hat viele Bedürfnisse,
besonders den Wunsch nach Zugehörigkeit. So folgt es dem
so genannten „Herdentrieb“. Das Kind will ja „in“
sein und dazu gehören.
Kinder, die von Mitschülern akzeptiert werden
und „in“ sind, genießen den Schutz innerhalb
der Gruppe (hier also in der Klasse/Schule). Dieser Schutz ist
ein weiteres wichtiges Bedürfnis, welches jedes Kind hat.
Die individuelle Entwicklung ist daher insofern
begrenzt, als dass Kinder sich nur innerhalb der Gruppennormen
entwickeln können. Tun sie es nicht, laufen sie Gefahr, aus
der Gruppe ausgeschlossen zu werden. Mit dem Verlust der Gruppenzugehörigkeit
sind deshalb weitere Nachteile (u. a. Verlust des Schutzes) verbunden.
Deshalb ist es für die Mitschüler sehr schwer bis unmöglich,
sich kritisch mit dem Verhalten in der eigenen Gruppe auseinander
zu setzen und angemessen auf Andersartigkeit zu reagieren.
Folglich kommt so innerhalb der Klasse schnell
eine Lawine ins Rollen, die eigentlich niemand so gewollt hat.
Die Unwissenheit verursacht Verunsicherung bei den Mitschülern
und um diese nicht ersichtlich werden zu lassen und das Gesicht
in der Gruppe wahren zu können, ziehen Mitschüler das
Kind mit Tics ins Lächerliche oder stellen sich selbst meilenweit
über das „andersartige“ Kind. Das betroffene
Kind hat so oftmals keine Chance „dazu zu gehören“,
allein schon durch die Auffälligkeit „Tic“. Diese
Ausgrenzung verursacht zusätzlichen Stress und lassen die
Tics noch um ein vielfaches heftiger werden.
Um sich kritisch mit dem eigenen Verhalten auseinander
setzen zu können, brauchen die Mitschüler Vorbilder
z.B. durch sachliche Gespräche mit einer Vertrauensperson,
im Idealfall mit dem Klassenlehrer. Das Imitationslernen spielt
dabei eine große Rolle.
Man darf auch hier nicht vergessen, der junge Mensch muss sich
erproben und aus eigenen Fehlern lernen. Fehler müssen jedoch
auch erkennbar sein, so das strikte Konsequenzen und eine klare
Haltung des gesamten Lehrpersonals angebracht sind.
Nichts desto trotz fühlen sich Mitschüler
oft durch Tics genervt, weil sie nicht so lernen können,
wie sie es erwartet haben. Oft beklagen sich die Mitschüler
zu Hause, so das auch bald die Eltern der übrigen Kindern
alarmiert sind. Folglich sollten auch die Eltern aufgeklärt
werden. Oft können im gemeinsamen Austausch innerhalb der
Klasse gute und für alle erträgliche Maßnahmen
gefunden werden.
Immer wieder kommt es auch vor, das die Tics
des betroffenen Kindes als willkommene Abwechslung zum eher „langweiligen“
Unterrichtsinhalt von den Mitschülern gesehen werden und
diese dann als Grund zur Unterbrechung „missbraucht“
werden (kichern, lachen, Beschwerden usw.). Auch hier ist konsequentes
Handeln des Lehrers nötig. Lachen, Aufheiterungen, kurze
Unterbrechungen sind kein Problem, wenn diese nicht auf Kosten
eines Kindes mit Tics geschehen.
Wichtig, wir beziehen uns hier auf ersichtliche
Tics. Sind Tics kaum auffällig, wird sie so auch niemand
bemerken, somit braucht auch nicht zwingend aufgeklärt werden.
Sollten sich die Tics jedoch phasenweise (was absolut normal und
typisch für Tourette ist) verstärken, sollten Sie als
Lehrer gut auf die Klassensituation und einzelne Äußerungen
der Klassenkameraden achten und frühzeitig reagieren.
Insgesamt muß man festhalten, dass hier
alle Beteiligten Toleranz und Akzeptanz
gegenüber der Andersartigkeit aufbringen müssen.
| Das betroffene Kind gegenüber
Mitschülern. |
| Das betroffene Kind gegenüber
Lehrer und Schule. |
Eltern des betroffenen Kindes gegenüber anderen
Eltern.
|
Eltern des betroffenen
Kindes gegenüber anderen Mitschülern. |
Eltern des betroffenen
Kindes gegenüber Lehrern und Schule. |
Mitschüler gegenüber dem betroffenen Kind. |
| Mitschüler gegenüber
Lehrer und Schule. |
Schule gegenüber dem unterrichtenden Lehrer.
|
Schule gegenüber
dem betroffenen Kind. |
Schule gegenüber
den Eltern des betroffenen Kindes. |
Schule gegenüber
allen anderen Eltern. |
Lehrer gegenüber der Schule. |
| Lehrer gegenüber Eltern des
betroffenen Kindes. |
| Lehrer gegenüber Eltern von
Mitschülern. |
| Lehrer gegenüber dem betroffenen
Kind. |
zurück zur Übersicht
Aus der Sicht des betroffenen Kindes
Die betroffenen Kinder wissen um ihre Andersartigkeit,
können jedoch nicht nachvollziehen, warum sich andere Kinder
ihm Gegenüber „so“ verhalten.
Hier ist es wichtig, beim betroffenen Kind Verständnis
für die Unsicherheit der anderen Kinder zu wecken. Sinnvoll
ist es, dass eigene Verhalten des betroffenen Kindes bei Fremden
zu verdeutlichen (zu spiegeln) und anhand konkreter Beispiele
die Reaktion der Kinder zu erklären. Um Verständnis
und Miteinander zu erreichen, sollte Unbekanntes deshalb nicht
länger unbekannt bleiben. Somit sollte man den Kindern und
auch dem Lehrer zunächst erklären, was es mit den Tics
auf sich hat.
Wie gehst du mit dir und deinen Tics um?
Sich selbst in seiner Besonderheit anzunehmen,
egal ob man von anderen dafür verlacht oder ausgeschlossen
wird, oder mit welcher Krankheit man zu kämpfen hat, ist
ein schwieriger und langwieriger Prozess. Deine Eltern, Geschwister,
Mitschüler und deine Lehrer können Dir dabei hilfreich
zur Seite stehen.
Tics sind für Betroffene selbst sehr anstrengend.
Für das Umfeld ist es nicht einfach, die Tics zu ignorieren.
Oft machen euch nicht nur die Tics zu schaffen, sondern auch das
Verhalten der anderen Kinder, die Unbekanntes und Anderes scharf
ausgrenzen, Lehrer die nicht verstehen oder nicht verstehen wollen
und dich z. B. für deine Tics bestrafen.
Viele betroffene Kinder können ihre Tics in der Öffentlichkeit
nicht unterdrücken und stoßen deshalb unweigerlich
auf Widerstand. Andere Kinder haben die Fähigkeit zur Unterdrückung
und nutzen scheinbar unbeobachtete Momente, ihren Tics freien
Lauf zu lassen. Dabei besteht immer die Gefahr, dabei „erwischt“
(ertappt) zu werden.
Viele Betroffene, die heute erwachsen sind, erinnern
sich nur ungern an ihre Schulzeit.
Ihnen erging es in der Schule ähnlich, wie den betroffenen
Kindern heute.
Diese Betroffenen haben erfahren, dass es wenig Sinn macht, sich
bei Problemen zurückzuziehen und nichts dagegen zu unternehmen.
„Eigeninitiative statt Selbstmitleid“
ist gefragt. Ihr müsst versuchen, an der
(schlimmen Situation) selbst aktiv etwas zu verändern.
Erst wenn es Dir gelingt, Dich mit deinen Tics zu lieben und zu
akzeptieren, wird es dir leichter fallen, dich selbst aus dieser
Isolation und damit aus dem Abseits zu befreien. Selbstmitleid
(ich Arme/r) verhindert diesen Schritt und ändert nichts
an der für dich belastenden Situation! Eigeninitiative ist
deshalb ein wichtiger Baustein für dein weiteres Leben.
Auf unseren Seiten hier kannst du dich selbst
informieren, was Tourette ist und wie es auf andere Menschen um
dich herum wirkt. Erkläre die Tics deinen Mitschülern
und deinen Lehrern. Wenn sie dich z. B. für einen Tic, den
sie nicht als Tic erkennen bestrafen, dann sage ihnen, dass sie
dich gerade für ein Symptom deiner Krankheit bestrafen.
Ganz wichtig dabei ist aber, dass du entgegengebrachtes
Verständnis niemals für dich ausnutzt. Nicht alles ist
Tic und das weißt du. Wenn du deine Eltern oder deinen Lehrer
belügst, wird das immer herauskommen. Wenn du diese Menschen
auch nur ein einziges Mal so belogen hast, und sie erfahren davon,
wird man dir künftig nicht mehr glauben können, was
ein Tic ist und was nicht.
Was kannst du tun, um Freunde in der Schule zu
finden?
Es ist z.B. möglich, den Kontakt zu „andersartigen“
Kindern zu suchen.
Es gibt Viele „andersartige“ Kinder, Kinder mit Diabetes,
Kinder mit Asthma, hyperaktive Kinder, Kinder mit Brillen oder
sehr dicke Kinder. Es gibt also viele Kinder, die sich von der
„Normalität“ abheben.
Suche den Kontakt zu diesen Kindern (man erkennt sie leicht daran,
dass sie oft alleine dastehen, während die anderen spielen)
und lerne sie kennen. Aus dem gegenseitigem Kennenlernen wird
vielleicht Freundschaft, und aus der Freundschaft wächst
vielleicht die Idee, einen „Club der
Besonderen“ zu gründen. Wer spielt schon gerne
allein, wer geht schon gern allein zur Schule?
Schließt euch zusammen, dann könnt ihr zusammen viel
Spaß haben. Bestimmt sind viele besondere Kinder davon total
begeistert.
Viele Kinder gründen Clubs, aber ihr habt dann einen ganz
Besonderen, mit ganz besonderen Menschen als Clubmitglieder.
Ihr werdet sehen, schon bald ist es absolut klasse und in „Besonders“
und „Anders“ zu sein :-)
Habt ihr weitere Ideen? Dann schreibt uns diese Bitte, wir schreiben
Deine Idee dann hier noch mit drauf.
zurück zur Übersicht
|