Wissenschaftler entdecken
das erste Gen für das Tourette-Syndrom
Pressemitteilung des: National Institute of Neurological
Disorders and Stroke
Zur Publikation freigegeben: 15.Dezember 2005
Ein Team von Wissenschaftlern hat die erste
Genmutation entdeckt, die einige Fälle von Tourette-Syndrom
verursachen könnte. Beim Tourette Syndrom handelt es sich um eine
vererbbare neuropsychiatrische Erkrankung, die durch unfreiwillige
motorische und vokale Tics charakterisiert wird. Das “National
Institute of Neurological Disorders and Stroke (NINDS)”,
ein Teil des “National Institutes of Health”
finanzierte diese Forschung.
Das Team wurde geleitet von Dr. Matthew
State, einem Genetiker der “Yale School of Medicine”.
„Wir sind erfreut, dass unsere Unterstützung
für Dr. State zur Entdeckung des ersten Gens für
Tourette Syndrom beitrug und hoffen auf einen schnellen
Nachweis anderer Gene, die diese Krankheit verursachen oder
dazu beitragen”, sagte Dr Laura Mamounas, Programmdirektorin
des NINDS für die Tourette Syndrom Forschung. Die Daten
wurden in der Oktober-Ausgabe 2005 von Science veröffentlicht.
Das Gen (SLITRK1) wurde durch die genetische
Analyse eines Jungen mit Tourette Syndrom entdeckt, bei dem man zuvor
eine “Inversion” auf Chromosom 13 nachgewiesen
hatte: Ein Teil dieses Chromosoms zeigte eine entgegengesetzte
Orientierung zu dem normalen Chromosom. Er war das einzige
Familienmitglied mit Tourette Syndrom und der Inversion, so dass man vermutete,
dass beides in einem Zusammenhang steht.
Das Team führte dann ein Screening
des SLITRK1–Gens in 174 Patienten mit Tourette Syndrom durch. Dieses
Gen fand sich im Bereich der Chromosomenanomalie des Jungens.
In einer Familie entdeckte man im Rahmen dieses Screenings
eine Anomalie der codierenden Sequenz des Gens. Außerdem
identifizierten die Forscher eine unabhängige mutierte
Gensequenz in zwei nicht verwandten Personen mit Tourette Syndrom . Keine
dieser Mutationen konnte unter mehreren 1000 nicht betroffenen
Kontrollen nachgewiesen werden. Zusätzliche Untersuchungen
in Zelkulturen zeigten veränderte Proteinexpressionen
oder Proteinfunktionen und bestätigten somit den Befund
eines mutierten Gens.
„Wir haben nun einen Schlüssel
um das Tourette Syndrom auf einer molekularen und zellulären
Ebene zu analysieren. Sofern sich die Befunde auch nur bei
einer kleinen Anzahl von Tourette Syndrom -Patienten bestätigen
lassen, ebnet dies den Weg für ein besseres Verständnis
des Krankheitsprozesses und bietet einen möglichen
Ansatzpunkt für die Entwicklung von Medikamenten zur
Therapie von Tourette Syndrom “ sagt Dr. State.
Das normale SLITRK1-Gen ist am Wachstum
von Nervenzellen beteiligt und an deren Verbindung mit anderen
Neuronen. Das mutierte Gen wurde in Regionen des Gehirns
gefunden (Basalganglien, Cortex, Vorderlappen), von denen
man ausgeht, dass sie mit dem Tourette Syndrom in Zusammenhang stehen.
Verschiedenen Chromosomenregionen mit Brüchen wurden
zuvor bereits
als mögliche Orte für ein Tourette Syndrom -verursachendes
gen angesehen worden.
Tourette Syndrom kommt bei Personen sämtlicher
ethnischer Gruppen vor. Männer sind ungefähr dreimal
so häufig betroffen, wie Frauen. Die Krankheit wird
meist zuerst im Kindesalter zwischen 7 und 10 Jahren entdeckt.
Schätzungsweise 200.000 Amerikaner sind an einer sehr
heftigen Tourette Syndrom-Form erkrankt und ca 1/100 zeigen
schwächere und weniger komplexe Symptome wie chronische
motorische oder vokale Tics oder vorübergehende Tic-Störungen
in der Kindheit. Die meisten erleben die schlimmste Symptomatik
vor der Pubertät. Nach der Pubertät tritt meist
eine Besserung ein, die im Erwachsenenalter anhält.
Das Forscherteam beinhaltete Wissenschaftler
eines speziellen Konsortiums der amerikanischen Tourette-Gesellschaft,
die sich mit der Genetik des Tourette Syndroms beschäftigen
(Tourette Syndrome Association’s International Consortium
for Tourette Syndrom Genetics). Im März 2000 erhielt
dieses Konsortium ein über 5 Jahre dauernden Zuschuss
über 8.5 Millionen Dollar um die genetische Ursache
von Tourette Syndrom zu finden.
*Abelson JF, Kwan KY, O’Roak BJ,
Baek DY, Stillman AA, Morgan TM, Mathews CA, Pauls DL, Raisin
M-R, Gunel M, Davis NR, Ercan-Sencicek AG, Guez DH, Spertus
JA, Leckman JF, Dure IV LS, Kurlan R, Singer HS, Gilbert
DL, Farhi A, Louvi A, Lifton RP, Sestan N, State MW. “Sequence
Variants in SLITRK1 Are Associated with Tourette’s
syndrome.” Science , October 14, 2005, Vol. 310, No.
5746, pp. 317-320; DOI:10.1126/science.1116502.
-by Paul Girolami