Das Vorgehen bei Tics
Department of Neurology, University of Rochester School
of Medicine and Dentistry, Rochester, NY 14620, USA, Autoren:
Shprecher D., Kurlan R.
Mov Disord. 2009 Jan
In ihrem neuesten Artikel, der in der Zeitschrift Movement
Disorder veröffentlicht wurde (Mov Disord. 2009 Jan
15;24(1):15-24), geben die Autoren einen sehr detaillierten
Überblick über die Differentialdiagnose, die
Kategorisierung von Tics und schließlich die unterschiedlichen
Arten einer Therapie von Tic-Störungen.
Wichtig für die Wahl der Therapie ist zunächst
die Entscheidung, welche Symptome den Patienten in seinem
täglichen Leben am meisten stören. Dies können
bei dem einen die Tics selber sein, bei dem anderen Komorbiditäten
wie ADHD oder Zwänge (OCD). Für Patienten mit
leichter Symptomatik reichen häufig Verhaltenstherapien,
während Patienten mit stärkeren Symptomen Medikationen
wünschen.
Die Autoren behandeln grundsätzlich Tics, die das
Leben in der Schule oder generell negativ beeinflussen
und/oder zu sozialem Ausgegrenztsein führen.
Bei der Verschreibung von Tic-unterdrückenden Medikamenten
titrieren sie die Dosis in der Regel, um festzustellen,
welche Dosis die niedrigste ist, die die Behinderung durch
die Tics deutlich bessert. Der häufig beobachtete
Placebo-Effekt sollte bei der Bewertung der Wirksamkeit
einzelner Therapien stets berücksichtigt werden.
Table 1. Tic-suppressing medications (Quelle : Mov Disord.
2009 Jan 15;24(1):15-24)
| Generic name |
How supplied |
Daily
dose (mg) |
| Alpha agonists |
|
|
| Clonidine |
Tablets: 0.1, 0.2, 0.3 mg
Transdermal: 0.1, 0.2, 0.3 mg/d |
0.05-0.5 |
| Guanfacine |
Tablets: 1, 2 mg |
0.5-4 |
| Antipsychotic |
|
|
| Risperidone |
Tablets: 1, 2, 3, 4 mg
Oral solution: 1 mg/mL |
0.5-16 |
| Aripiprazole |
Tablets: 5, 10, 15, 20, 30 mg
Oral solution: 1 mg/mL |
5-30 |
| Haloperidol |
Tablets: 0.5, 1, 2, 5, 10, 20 mg
Oral solution: 2 mg/mL |
0.5-20 |
| Pimozide |
Tablets: 1, 2 mg |
0.5-10 |
| Fluphenazine |
Tablets: 1, 2.5, 5, 10 mg |
0.5-20 |
| Other agents |
|
|
| Clonazepam |
Tablets: 0.125, 0.5, 1, 2mg |
0.5-10 |
| Tetrabenazine |
Tablets: 25 mg |
25-200 |
Alpha-2-Agonisten
Sie haben eine mäßige Wirkung auf Tics. Während
in der Vergangenheit Clonidin am häufigsten eingesetzt
wurde, wird nun eher Guanfacin verwendet, da es weniger
sediert und als ein- oder zweimalige Dosis gegeben werden
kann. Das Clonidin-Pflaster ist für kleinere Kinder
empfehlenswert, die keine Tabletten schlucken können.
Die häufigsten Nebenwirkungen von Guanfacin sind
Müdigkeit, Kopfschmerzen, Benommenheit, Erregbarkeit
und Mundtrockenheit. Die Autoren berichten von einigen
Patienten mit Synkopen während der Therapie mit Guanfacin.
Generell sind Alpha-Agonisten nach ihrer Assage eine gute
Wahl, wenn ein Patient an Tics und ADHD leidet, da sich
beide bessern können.
Dopamin-Blocker
Zeigt ein Alpha-Agonist wenig oder keine Wirkung, so
ergänzen oder ersetzen die Autoren ihn mit einem
Dopamin-Rezeptor-Blocker. Bei ihnen handelt es sich um
die wirksamste Medikation bei Tics.
Die klassischen Neuroleptika wie Haloperidol (Haldol),
Pimozid und Fluphenazin haben ihre Wirksamkeit in zahlreichen
klinischen Studien bewiesen. Sie haben jedoch starke Nebenwirkungen
wie Sedierung und Depressionen.
Die neueren atypischen Neuroleptika wie Risperidon (Risperdal)
und Aripiprazol (Abilify) werden jedoch nach Assagen der
Autoren häufig auch nicht gut vertragen, da sie zu
Sedierungen, Gewichtszunahme und dem metabolischen Syndrom
(Adipositas, Dyslipidemie, Bluthochdruck und einem gestörten
Glucosemetabolismus) führen können.
Da die klassischen Neuroleptika zudem preiswerter sind
als die atypischen, schwingt das Pendel, nach Aussage
der Autoren eher wieder zu diesen hin. Außerdem
weisen nicht sämtliche atypischen Neuroleptika gleich
gute Tic- unterdrückende Eigenschaften auf: Risperidon
und Olanzapin zeigten ihre Wirksamkeit in kontrollierten,
randomisierten Studien, während Clozapin (Leponex)
und Quetiapin (Seropquel) bei Tics weniger wirksam zu
sein scheinen. Erste Versuche der Autoren mit Aripiprazol
(Abilify) zeigen Hinweise auf eine positive Wirkung bei
Tics. Die Autoren verschreiben Dopamin-Blocker in der
Regel als einmalige Dosis zur Schlafenszeit, sie kann
jedoch auch aufgeteilt werden.
Andere Tic-unterdrückende Medikamente
Zeigen Patienten Probleme hinsichtlich der Wirksamkeit
oder der Verträglichkeit der bislang genannten Medikamente
können auch andere Präparate verwendet werden.
Clonazepam ist angeraten, wenn die Patienten auch unter
Ängsten leiden. Es wird in der Regel 2-3 mal tgl.
eingenommen und kann zu Sedierungen und Wackeligkeit führen.
Das Dopamin-mindernde Medikament Tetrabenazin ist bislang
nur in Kanada und Europa zugelassen und zeigt in ersten
Studien über 2 Jahre eine mögliche Wirkung.
Der Nachteil ist, dass lediglich 22 % der Patienten ohne
Nebenwirkung sind. Dazu gehören Sedierungen, Schlaflosigkeit,
Depressionen und Parkinson-Symptome. Außerdem kann
es zum malignen neuroleptischen Syndrom kommen.
Zeigen die Tics einen dystonischen Charakter, (z.B.
eine bestimmte Hals-Haltung) so können, nach Aussagen
der Autoren, auch Injektionen von Botulinum-Toxin angeraten
sein. Diese zeigen auch eine sehr gute Wirkung bei Tics
im Bereich der Halswirbelsäule im Zusammenhang mit
Myelopathie oder als laryngeale Injektion bei starken
Vokaltics, inclusive Kopralalie. Bislang wurde lediglich
eine randomisierte Studie mit Botulinum-Toxin veröffentlicht,
die jedoch von einer deutlichen Besserung motorischer
Tics berichtet. Die häufigsten Nebenwirkungen der
Injektionen sind Müdigkeit und Schmerzen.
Möglicherweise Tic-unterdrückende
Medikamente
Hierzu zählen beispielsweise Dopamin-Agonisten
(Pergolid, Ropinirol). Die Wirkung dieser Dopamin-Agonisten
wird möglicherweise über presynaptische Rezeptoren
im Striatum vermittelt. Hier sind noch weitere Studien
erforderlich.
Auch Calciumkanal-Antagonisten können eine Wirkung
auf Dopamin-Rezeptoren zeigen, indem sie sie blockieren
oder die Depolarisierung der Dopamin-Neuronen des mittleren
Gehirns reduzieren. Erste positive Wirkungen werden, nach
Aussage der Autoren, von Nifedipin, Verapamil und Flunarizin
berichtet. Die Autoren erwähnen eine Postmortem-Studie
an Putamen-Gewebe, die vermuten lässt, dass ein Subtyp
des metabotropen Glutamat-Rezeptors im Falle des Tourette-Syndroms
eine anomale Expression aufweist.
Dopamin-Rezeptoren im frontalen Cortex, die von
Acetylcholin
und Glutamat moduliert werden, könnten hemmende Funktionen
aufweisen, die der prokinetischen Funktion des striatalen
Dopamin-Rezeptors entgegen wirken. Daher könnten,
nach Ansicht der Autoren, Medikamente, die auf die cholinerge
Neurotransmission am ZNS, Nikotinrezeptoren, oder die
glutamerge Aktivität von NMDA- oder AMPA-Rezeptoren
wirken für die Tic-Suppression von Interesse sein.
Zu den interessanten Medikamenten mit einer Aktivität
an Glutamat-Rezeptoren zählen D-Serin, D-Cycloserin,
Sarcosin, Modafanil, Riluzole, Memantine und Talampanel.
Für Medikamente, die auf den Rezeptor für Gamma-Aminobuttersäure
wirken (Baclofen, Leviracetam) gibt es bislang noch keine
überzeugenden Studien.
Ein weiterer Ansatzpunkt für Medikationen ist der
cortikale 5HT-2A-Rezeptor, dessen Dichte bei TS erhöht
zu sein scheint. Man vermutet, dass die Wirkung von Risperidon
und Olanzapin auf einer Blockade der 5HT-2 und 5HT-3-Rezeptoren
beruht. Bislang gibt es eine positive Studie zu dem 5HT-2-Antagonisten
Ketanserin und eine zu dem 5HT-3-Antagonisten Odansetron.
Die Autoren gehen noch kurz auf Befunde mit Marihuana
und andere Medikamente, die auf den cannabinoiden Rezeptor
in den Zentralganglien wirken, ein, sowie auf Androgen-Blocker
wie Flutamid und Finasterid.
Nicht-medikamentöse Therapien
Als nicht medikamentöse Therapien führen die
Autoren Verhaltenstherapien, transcranielle Magnetstimulation
und die Deep Brain Stimulation (Stimulation von Hirnbereichen)
an. Letztere wird durchgeführt bei Patienten, bei
denen keine medikamentöse Therapie wirkt. Bislang
zielt sie in der Regel bilateral auf die zentralen Nuclei
des Thalamus. Diskutiert wird auch eine Stimulation am
Globus pallidus internus oder Nucleus accumbens der inneren
Kapsel. Es kann zu Komplikationen wie subduralen Hämatomen,
veränderter Libido, Müdigkeit, Stimmungsschwankungen
Gewichtsverlust, Psychosen und schlechter Wundheilung
kommen.
Für Kinder deren Tics nachgewiesenerweise auf Streptokokken-Infektionen
beruhen (PANDAS-Form) raten die Autoren zur Gabe von Antibiotika.
Bislang werden Therapien mit Antibiotika, Plasmaaustausch
oder i.v.-Gabe von Immunglobulinen jedoch noch nicht durch
Studien gerechtfertigt.
Therapie von ADHS
Für Kinder und Jugendliche mit ADHD als Komorbidität
empfehlen die Autoren als erste Wahl einen Alpha-2-Agonisten
wie Guanfacin oder den Norepinephrin-Reuptake-Hemmer Atomoxetin.
Besteht das ADHD weiter so ist, nach Ansicht der Autoren,
auch gegen eine Therapie mit Stimulantien nichts einzuwenden.
Die möglicherweise zu Beginn der Therapie eintretende
Verstärkung der Tics sei oft nur vorübergehend.
Die Autoren berichten, dass das neuere Methylphenidat-Präparat
mit verlängerter Freisetzung den Kindern gut über
den Schultag hinweghilft und von Kindern mit Tics gut
vertragen wird. Die häufigsten Nebenwirkungen für
Stimulantien sind Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust, Kopfschmerzen
und Schlaflosigkeit.
Table 2. Medications of ADHD (Quelle : Mov Disord. 2009
Jan 15;24(1):15-24)
| Generic name |
How supplied |
Daily
dose (mg) |
Doses
per day |
| Atomoxetine |
Capsules: 10, 18, 25,
40, 60 mg |
10-120 |
1 |
| Methylphenidate |
Tablets: 5, 10, 20 mg |
2.5-60 |
2-4 |
| Methylphenidate ER |
Capsules: 18, 27, 36,
54 mg |
18-90 |
1 |
| D-Methylphenidate |
Tablets: 2.5, 5, 10 m |
2.5-20 |
2-3 |
| D-Methylphenidate ER |
Capsules: 5, 10, 20 mg |
5-40 |
1 |
| Methylphenidate transdermal |
Patch: 10, 15, 20, 30 mg |
10-30 |
1 |
| D-,L-Amphetamine |
Tablets: 5, 7.5, 10,
12.5, 15, 20, 30 mg |
2.5-60 |
1-2 |
| D-,L-Amphetamine ER |
Capsules: 5, 10, 15,
20, 25, 30 mg |
5-30 |
1 |
| Dextroamphetamine |
Tablets: 5 mg |
2.5-40 |
2-4 |
| Dextroamphetamine ER |
Capsules: 5, 10, 15 mg |
5-40 |
2-4 |
| Lisdexamfetamine |
Capsules: 30, 50, 70 mg |
30-70 |
1 |
Therapie von Zwängen
Manchmal stören die Zwänge die Patienten mehr
als die Tics. Hier hat sich eine kognitive Verhaltenstherapie
als sehr wirksam erwiesen.
Ansonsten gelten Selektive Serotonin-Reuptake-Hemmer
(SSRIs) als Mittel der ersten Wahl bei Zwängen. Manchmal
sind auch zusätzliche Gaben von atypischen Neuroleptika
angeraten.
Table 3. Selective serotonin reuptake inhibitors (Quelle
: Mov Disord. 2009 Jan 15;24(1):15-24)
| Generic name |
How supplied |
Daily
dose (mg) |
| Clomipramine |
Capsules: 25, 50, 75 mg |
25-250 |
| Citalopram |
Tablets: 20, 40 mg |
10-40 |
| Escitalopram |
Tablets: 5, 10, 20 mg
Oral solution: 5 mg/5mL |
10-20 |
| Fluvoxamine |
Tablets: 25, 50, 100 mg |
25-300 |
| Paroxetine |
Tablets: 10, 20, 30, 40 mg
Oral suspension: 10 mg/5 mL |
10-60 |
| Fluoxetine |
Capsules: 10, 20 mg
Oral solution: 20 mg/5 mL |
10-60 |
| Sertraline |
Tablets: 25, 50, 100 mg |
25-200 |
Die Autoren weisen darauf hin, dass sowohl
bei Kindern als auch bei Erwachsenen sämtliche angeführten
Medikationen stets mit der niedrigsten Dosis begonnen
werden sollten.