Strukturelle Veränderungen im somatosensorischen System
korrelieren mit der Tic-Schwere beim Gilles de la Tourette-Syndrom
Department of Neurology, University Medical Center Hamburg-Eppendorf,
Hamburg
Brain. 2009 Jan
Beim Gilles de la Tourette-Syndrom (GTS)
handelt es sich um eine neuropsychiatrische Erkrankung,
die durch multiple motorische und vokale Tics charakterisiert
wird. Frühere strukturelle MRT-Untersuchungen konnten
regionale Anomalien in der grauen Substanz, speziell den
Basalganglien, identifizieren.
Diese Befunde stimmen mit der Annahme
überein, dass Veränderungen in cortico-striato-thalamo-corticalen
Regelkreisen und in der dopaminergien Neurotransmission
eine Hauptrolle in der Pathophysiologie des Tourette-Syndroms
spielen. Außerdem lassen neuere Studien vermuten,
dass auch die sensorisch-motorischen Cortices an der Pathophysiologie
des Tourette Syndroms beteiligt sind. Trotzdem ist noch
wenig bekannt, welche Rolle Veränderungen der weißen
Substanz beim Tourette Syndroms spielen.
Die Autoren versuchten abzuklären,
ob das Tourette Syndroms auch mit Anomalien der Mikrostruktur
der weißen Substanz assoziiert ist und ob diese Veränderungen
mit der Tic-Schwere korrelieren.
In einer morphometrischen Studie, die
auf Diffusion-Tensor-MRTs des gesamten Gehirns basierte,
verglichen sie die Diffusionseigenschaften von Gehirngewebe
zwischen 15 nicht therapierten Erwachsenen mit Tourette
Syndroms ohne psychiatrische Comorbidität und 15 Kontrollen
(in bezug auf Alter und Geschlecht gemischt). Sie führten
eine Voxel-basierte Morphometrie der Werte der regionalen
fraktionellen Anisotropie (FA) durch, um regionale Unterschiede
in der Mikrostruktur der weißen Substanz zwischen
den Gruppen zu identifizieren. Ferner suchten sie nach einer
linearen Beziehung zwischen regionalen FA-Werten und klinischen
Scores der Tic-Schwere. Ein wahrscheinlichkeitstheoretisches
Faser-Tracking sollte die anatomische Konnektivität
der Bereiche charakterisieren, die Unterschiede in der regionalen
FA zeigen.
Im Vergleich zu gesunden Kontrollen zeigten
die Tourette-Patienten bilaterale FA-Anstiege in der weißen
Substanz, die unter dem post- und precentralen Gyrus, unter
dem linken supplementären motorischen Bereich und im
rechten ventro-postero-lateralen Teil des Thalamus liegen.
Der Spitzen-Anstieg in der FA war unterhalb des linken postcentralen
Gyrus lokalisiert. Die wahrscheinlichkeitstheoretische Tractographie
identifizierte transcallosale und ipsilateral cerebello-thalamo-corticale
Wege des somatosensorischen Systems, die diese subcortikale
Region passieren. In Patienten zeigte die regionale FA in
diesen Regionen eine umgekehrte Relation zur Tic-Schwere.
Diese Befunde deuten zum ersten Mal darauf
hin, dass es beim Tourette Syndroms strukturelle Veränderungen
in den somatosensorischen Wegen gibt. Veränderungen
der Eigenschaften der Wasser-Diffusion deuten auf eine geringere
Verzweigung im somatosensorischen Bereich von Tourette Syndroms-Patienten
hin. Die negative Korrelation zwischen höherer regionaler
FA und weniger Tics lassen vermuten, dass diese Veränderungen
der Mikrostruktur der weißen Substanz eine adaptive
Reorganisation der somatosensorischen Verarbeitung beim
Tourette Syndroms repräsentieren.