Prävalenz (Verbreitung)
und Epidemiologie des Gilles de la Tourette Syndroms.
Teil 2: Mögliche Erklärungen für unterschiedliche
Verbreitungsmuster des Tourette-Syndroms mit möglichen
Auswirkungen von Psychopathologie, Etiologie, kulturellen
Unterschieden und unterschiedlichen Phänotypen
University College, London, United Kingdom; and St George's
Hospital & Medical School, London, United Kingdom
J Psychosom Res. 2008 Nov
Wie bereits aufgezeigt kommt das Tourette-Syndrom
weltweit bei ca 1 % der Bevölkerung vor, auch wenn
frühere Studien von einem geringeren Vorkommen ausgehen.
Außerdem variieren die Werte bei unterschiedlichen
Studien zwischen 0.4% und 3.8%. Auch scheint das Vorkommen
zwischen unterschiedlichen Teilen der Erde und Rassen zu
variieren, da man GTS beispielsweise kaum bei Afroamerikanern
oder Afrikanern südlich der Sahara findet.
Im zweiten Teil des Überblicks werden
mögliche Gründe für die Unterschiede bezüglich
Vorkommen und Epidemiologie diskutiert. Mögliche Erklärungen
für unterschiedliche Verbreitungsmuster des Tourette-Syndroms
beinhalten Probleme der Diagnostik, die mehrdimensionale
Natur der Tics, sowie andere Tic-Faktoren wie das periodische
Auftreten und Verschwinden und die Unterdrückbarkeit
der Symptome.
Andere, dem Tourette-Syndrom anhaftende
Faktoren beinhalten, dass es keinen diagnostischen Test
gibt und die Tatsache, dass psychosoziale Belastungen zu
einer verstärkten Tic-Schwere führen und dass
komorbide Erkrankungen die Tics maskieren können. Außerdem
beeinflussen die unterschiedlichen, bei den Studien verwendeten
Methoden die Verbreitungsmuster. Es gibt sicherlich auch
regionale Unterschiede im Tourette-Syndrom-Vorkommen.
Gerade im Bezug auf das geringe Vorkommen
des Tourette-Syndroms bei Afroamerikanern und Afrikanern
sind die Ursachen sicher komplexer als es auf den ersten
Blick scheint. Folgende Gründe sind für das geringe
Vorkommen bei diesen Populationen denkbar: andere medizinische
Prioritäten, geringere Neigung, Ärzte aufzusuchen,
das Fehlen des Erkennens des Tourette-Syndroms, ethnische
und epigenetische Unterschiede, genetische Unterschiede
in unterschiedlichen Rassen sowie eine Mischung von Rassen.
Auch die Ätiologie des Tourette-Syndroms
ist komplex und beinhaltet Einflüsse komplexer genetischer
Mechanismen, prä- und perinatale Schwierigkeiten und,
in einer Untergruppe, Infektionen, möglicherweise durch
epigenetische Mechanismen.
Diese können den Phänotyp betreffen
und auch die Verbreitung. Es gibt auch die Meinung, dass
die Anzahl der Tourette-Syndrom-Betroffenen steigt.
Neuere Daten lassen vermuten, dass es sich
beim Tourette-Syndrom nicht um ein einheitliches Krankheitsbild
handelt, sondern dass es verschiedene Arten des Tourette-Syndroms
gibt. Die Verbreitung des Tourette-Syndroms in diesen unterschiedlichen
Unterarten ist jedoch noch unbekannt.
Die Autoren schlagen vor, in der Zukunft
die Nomenklatur des Tourette-Syndroms anzupassen, abhängig
von weiteren genetischen und phänomenologischen Studien.
In welchem Umfang die Ätiologie den Phänotyp und
damit die Prävalenz (Verbreitung) beeinflusst, ist
noch unklar.