Spezifische und nicht-spezifische
Auswirkungen einer Therapie
American Journal of Clinical Hypnosis 2007
SMBD Jewish General Hospital and McGill University, Prof.
Amir Raz
Die moderne Medizin floriert mit den Vorstellungen
spezifischer Krankheiten und die Spezifität hat das
Denken in der klinischen Praxis und der biomedizinischen
Forschung (Neuroscience) revolutioniert. Auf dem Gebiet
der Verhaltensforschung hat der Begriff der Spezifität
durch Befunde der bildgebenden Diagnostik (Neuroimaging)
und der Genetik neue Bedeutung erlangt. Im Hinblick auf
eine pharmakologische Spezifität zeigen die Autoren
neue Daten auf, die vermuten lassen, dass zumindest für
bestimmte Individuen, spezielle Verhaltens-Interventionen
(Anm. d. Übers. Hypnose, Verhaltenstherapie, Suggestion)
fokale Hirnaktivitäten beeinflussen können.
Eine Interpretation dieser Daten ebnet
den Weg einer wissenschaftlicheren Strategie zur Analyse
der neuralen Grundlage für Suggestion und Placebo-Wirkung
und erweist sich vielversprechend im Hinblick auf eine maßgeschneiderte
Therapie für einzelne Patienten. Bereits in der Pharmakologie
zeigt sich, dass der Begriff der Spezifität weit gefasst
ist. So kann ein Medikament (z.B. ein Serotonin-Reuptakehemmer,
SSRI) für verschiedene Symptome wirksam sein (Zwangsverhalten,
Angst, Depression).
Trotzdem besteht die Vorstellung, dass
Pharmazeutika spezifisch in Bezug auf ihre biologische Wirkung
und den therapeutischen Effekt sind. Demgegenüber gelten
die meisten psychotherapeutischen Ansätze als unspezifisch.
Es gibt jedoch immer mehr Hinweise darauf, dass auch diese
spezifisch in Bezug auf den Mechanismus und die therapeutische
Wirkung sind. Mit Hilfe neuer bildgebender Verfahren kann
man zeigen, dass Psychotherapien Prozesse im Gehirn durch
Effekte beeinflussen, die mit denen vergleichbar sind, die
durch Pharmazeutika erzielt werden.
In einer Studie mittels Positronenemissionstomographie
(PET) von Patienten mit Zwangsverhalten (OCD) konnte gezeigt
werden, dass sowohl nach Verhaltenstherapie als auch nach
Therapie mit Fluoxetin ähnliche Veränderungen
im cerebralen Metabolismus in bestimmten Gehirnbereichen
beobachtet werden konnten. Wiederholungen der Studie und
Vergleiche mit gesunden Kontrollen konnten bestätigen,
dass eine Verhaltenstherapie die Gehirnaktivität in
OCD-Patienten zu normalisieren scheint (Baxter et al., 1996;
Schwartz, Stoessel, Baxter, Martin, & Phelps, 1996).
Ähnliche Befunde konnten auch bei Patienten mit Depressionen
oder Angstzuständen beobachtet werden. Andere Studien
zeigen eine veränderte Blutströmung im Gehirn
nach psychiatrischen Therapien wie der kognitiven Verhaltenstherapie.
Schlussfolgerung:
Die Autoren gehen davon aus, dass, zumindest
für bestimmte Patienten Verhaltens-Interventionen wie
eine Verhaltenstherapie, die auf die empfänglichen
Patienten maßgeschneidert wird, die Kognitionen, Emotionen,
Gedanken und das Handeln über gezielte neurale Aktivierungen
beeinflussen kann. Geht man davon aus, dass Suggestionen
die Hirnaktivität einzelner Foci beeinflussen kann,
sollten mehr Anstrengungen in die Richtung gehen, die Effekte
von Erwartung, Suggestion und Placebo zu verstehen.
In Zeiten der ständig neuen Entwicklungen
auf den Gebieten der Genetik und der bildgebenden neurologischen
Darstellung könnte es in der nahen Zukunft eventuell
möglich sein, Patienten und wirksame psychologische
Therapien mittels genetischen Screenings, Persönlichkeitsprofilen
u.ä. zu identifizieren. In einer derartigen Welt könnte
die bildgebende neurologische Diagnostik (Neuroimaging)
bei der Entscheidung helfen, welcher Patient mit Arzneimitteln
und welcher mit Psychotherapie behandelt werden sollte und
außerdem die Effekte der jeweiligen Therapie aufzeige.