Steuerung der inneren Verbalisierung
und Gilles de la Tourette-Syndrom
Deutsche Übersetzung:
Service de Neurologie, CHU Grenoble, 38043 Grenoble cedex
9, France.
2007
Unter innerer Verbalisierung oder «inner
speech» versteht man die kleine Stimme im Kopf, die
die Aktivitäten des täglichen Lebens kommentiert.
In gewisser Weise wurden Störungen der inneren Verbalisierung
bei auditiven Halluzinationen als relevant angesehen. Außerdem
scheint sie bei unkontrollierten verbalen Lautäußerungen
(Koprolalie) , wie man sie beim Tourette-Syndrom findet
eine Rolle zu spielen.
In einem früheren Artikel berichteten
die Autoren von einem Patienten mit frontotemporaler Demens,
der nicht in der Lage war, leise zu lesen. Später,
im Verlauf der Krankheit zeigte der Patienten ein schweres
Frontallappen-Syndrom mit zwanghaften Aktivitäten und
Koprolalie. Die Autoren gehen davon aus, dass die Unfähigkeit,
leise zu lesen einem Verlust der Steuerung verbaler Lautäußerungen
der inneren Verbalisierung gleichkommt.
Im vorliegenden Bericht wird ein Verlust
der Kontrolle der inneren Verbalisierung bei zwei Fällen
mit Tourette Syndrom und Koprolalie angenommen. Zwei erwachsene
Tourette Syndrom-Patienten, bei denen die Diagnose im Alter
von 7 und 10 Jahren gestellt wurde, wurden gebeten, sich
bezüglich ihrer Fähigkeit zum leisen Lesen zu
äußern. Der erste hatte in seiner Kindheit nie
leise gelesen während der zweite leise gelesen hatte
aber mit der Tendenz, die Lippen zu bewegen. Die Häufigkeit
der Schwierigkeit, leise zu lesen scheint eine Funktion
des Alters zu sein, bei der man dies beobachtet.
Man geht davon aus, dass leises Lesen eine
Herausforderung der Kontrolle der inneren Verbalisierung
darstellt. Diese ist in unterschiedlichen Stadien der Krankheit
unterschiedlich betroffen. Der Autor spekuliert, dass die
Schlüsselrolle des prefrontalen Cortex, speziell der
orbito-frontalen Bereiche, in der inhibitorischen Kontrolle
des Verhaltens für das Defizit in der Kontrolle der
inneren Verbalisierung verantwortlich sein kann. In diesem
Zusammenhang zeigten funktionelle Kernspintomographien von
Tourette Syndrom-Patienten ein Defizit bezüglich der
Aktivierung dieser Bereiche während Ihrer Tics. Es
wäre von großem Interesse, die Frequenz einer
Schwierigkeit des leise Lesens in Tourette Syndrom-Patienten
mit der in gesunden Personen zu vergleichen.
Bei der Beantwortung dieser zentralen Frage
könnte der sogenannte Stroop-Test hilfreich sein. Bei
diesem neuropsychologischen Test wird der Patient aufgefordert
die Farbe zu benennen, in der der Name der Farbe geschrieben
ist. Die Diskrepanz zwischen der Farbe des geschriebenen
Wortes und dem gelesenen Namen der Farbe kann die Fähigkeit
des Patienten fordern, korrekterweise das Lesen zu inhibieren
(z.B. das Wort „blau“) um eine andere Farbe
zu nennen (z.B. “rot“) wenn das Wort „blau“
rot geschrieben ist
Zusammenfassend lässt sich sagen,
dass die Unfähigkeit leise zu lesen eine Störung
in der prefrontalen inhibitorischen Steuerung in bezug auf
verbale Äußerungen der inneren Sprache vermuten
lässt. Weitere Untersuchungen sind vonnöten um
diese Hypothese zu stützen.